Europäischer Tag des Denkmals
Führungen gaben einen Einblick in die Besonderheiten der Gemeinde
Sein Entstehen verdankt Turgi vor allem der Spinnerei und dem Bahnhof. Noch heute sind viele Zeugen dieser Zeit zu sehen.
Turgi war am Sonntag, anlässlich des Tags des Denkmals, Schauplatz historischer Rundgänge durchs Dorf.

Petra Mühlhäuser

Vor 1826 gab es in Turgi nichts - so begann die Historikerin Sarah Brian ihre Führung durchs Dorf, die sie im Auftrag des Bundesamts für Kultur am Sonntag gehalten hat. Lediglich in Wil hätten ein paar Bauernhäuser gestanden. Dennoch hat Turgi für historisch Interessierte einiges zu bieten, und zwar ganz anderes als die bäuerlich geprägten, langsam gewachsenen Nachbardörfer.

Den "Startschuss" für die Entwicklung der Gemeinde gaben die Gebrüder Bébié aus Oberengstringen: Sie kauften Land und reichten ein Konzessionsgesuch für den Betrieb einer Spinnerei ein. 1828 wurde das stattliche Gebäude an der Limmat, das heute noch steht, eröffnet. Damit sei zum ersten Mal mit einem Kanal einer der grossen Flüsse angezapft und im Ostaargau die erste Fabrik eröffnet worden, erklärte Sarah Brian. Im Gegensatz zum Westen des Kantons war der katholische Osten damals noch nicht industrialisiert. Dieser Gegensatz zwischen bäuerlicher und Arbeiter-Welt zeigte sich auch im Kleinen: Viele Bauern aus Gebenstorf und den Nachbardörfern verstanden nicht, dass die Arbeiter sonntags im Garten arbeiteten oder Holz spalteten, weil sie montags bis samstags arbeiteten.

Der Arbeitsalltag war hart: Die Fabrikuhr, die ausnahmsweise auch am Sonntag im ABB-Personalrestaurant Aubrücke zu besichtigen war, wurde auf 6 Uhr gestellt, sobald es hell wurde, damit die ganze Tageshelligkeit ausgenutzt und Beleuchtung gespart werden konnte. Da Petrollampen verwendet wurden und sich der in der Luft liegende Baumwollstaub leicht entzündete, hatte die Sparsamkeit auch Vorteile für die Sicherheit. Von 6 Uhr an - gemäss "Turgi-Zyt" oder Turgi-Meridian, wie man sagte - wurde 15 Stunden gearbeitet, mit einer halben Stunde Mittag. Mehrmals weigerten sich die Bébiés, ihre Uhr nach der Bahnhofuhr von Baden zu stellen, bis sie 1850 vom Regierungsrat dazu verpflichtet wurden.

Wegen des bescheidenen Lohns (ein Mann verdiente pro Tag 60 bis 100 Rappen, eine Frau 40 bis 60 und ein Kind 20 bis 30 Rappen, ein Brot kostete 39 Rappen) musste die ganze Familie mitarbeiten, auch die Kinder. Schulräte und Armenkommission stellten fest, dass Kinder, die in der Fabrik arbeiteten, kleiner waren als andere und in ihrer Entwicklung zurückblieben, dass sie oft krumme Rücken und offene Beine hatten.

Erst allmählich kam man dem Übel mit Gesetzen bei: Der Kanton legte zunächst fest, dass Kinder unter 7 Jahren nicht arbeiten durften, später erst ab 13, unter der Bedingung, dass sie bis 15 eine Fabrikschule besuchten. Diese existierte in Turgi rund ein Jahrzehnt und stand hinter dem "Bauernhaus an der Limmat", ist aber heute nicht mehr zu sehen.

1833 wurde das erste Kosthaus an der Bahnhofstrasse errichtet, wegen seiner Länge von 80 Metern bis heute Langhaus genannt. Es ist in 20 Wohneinheiten, eine Art Mini-Reihenhäuser von vier Meter Breite, aufgeteilt. Über 200 Personen wohnten früher hier, mehr als 10 pro Wohnung. Eine Familie konnte sich eine solche Wohnung allein nicht leisten. Sie musste Kostgänger (Untermieter) aufnehmen, häufig Arbeiter aus Süddeutschland oder Vorarlberg. Ebenso wie das Kosthaus gehörten den Bébiés das Restaurant Krone (wurde später abgerissen) und die Läden. Damit waren die Arbeiter in jeder Hinsicht von der Spinnerei abhängig. Um diese Abhängigkeit zu durchbrechen, wurde 1873 der Konsumverein Turgi gegründet: Der erste Konsum stand an derselben Stelle wie das heutige Lebensmittelgeschäft

Das Geschäft mit der Spinnerei lief gut: Schon nach fünf Jahren, 1836, wurde sie mit einem Anbau zur grössten Spinnerei der Schweiz verdoppelt. 1879 brannte dieser Anbau ab, wurde wieder errichtet und noch einmal erweitert. Noch heute ist diese Baugeschichte deutlich zu sehen. 1870 entstand das zweite Kosthaus. Die Fabrikherren liessen sich hingegen, wie damals üblich, zunächst direkt vor der Spinnerei nieder. Im Laufe der Zeit zügelten sie aber immer weiter weg: In Turgi wurde 1843 das so genannte Hochhaus an der Bahnhofstrasse errichtet. Die Kappelers, Nachfahren von Rudolf Bébié, erbauten sich im Gehlig die Villa Lägernblick.

1843 zerstritten sich die Brüder Bébié, der gesamte Besitz wurde aufgeteilt. Das Langhaus wurde in der Mitte geteilt, was heute noch an zwei verschiedenen Gelbtönen zu sehen ist. In der Mitte geteilt wurde auch die Spinnerei. Fortan existierten zwei getrennte Betriebe.

Eine Trennung war schliesslich auch die Geburtsstunde der Gemeinde Turgi: 1884 trennte sie sich von Gebenstorf. Einer der Gründe war - neben den Steuern, die die Turgemer wegen der Fabrik überproportional belasteten - die Schulpolitik.
Gebenstorf hatte 1843 zwei Schulen gebaut, für jede Konfession eine, und war auf die Schulgelder aus Turgi angewiesen. Die Turgemer wollten aber lieber selber eine Schule errichten und taten das auch - vis-à-vis des heutigen Gemeindeschulhauses.
Dass dieses 1898 besonders stattlich und vom bekannten Architekten Karl Moser erbaut wurde, der beispielsweise die Villa Langmatt und die Villa Boveri in Baden entworfen hat, zeigt das Selbstbewusstsein der jungen Gemeinde. Und daran, dass Rudolf Bébié das Land gratis zur Verfügung stellte, lässt sich die Rolle der Spinnerei und ihrer Besitzer für die Gemeinde ablesen.
Dass aus der industriellen Anfangszeit Turgis noch so erfreulich viele Zeugen vorhanden sind, ist unter anderem dem Gemeinderat zu verdanken, der sich 1963, bei der Liquidation der Spinnerei, erfolgreich gegen den Abbruch durch die neue Besitzerin BBC wehrte.

Zudem zeugen noch heute zahlreiche stattliche Villen und verträumte Parks davon, dass einige Turgemer reich wurden in der Anfangszeit der Gemeinde: Die Villa Sonnenschein an der Kronenstrasse, erbaut von Nina und Peter Zai-Kappeler, ist seit der Renovation ein wahres Bijou. An der Bahnhofstrasse stehen die Villa von Jakob Stelzer, Aufseher in der Spinnerei und Betreiber eines Spezerei- und Tuchladens, und die Villa Trautheim von Johannes Wild, Grossrat, Gemeindeammann und Direktor der Firma Edmund Bébié.

Die Villa Flora an der Kronenstrasse wurde 1908 von Walter Straub-Egloff erbaut, dem Schwiegersohn von Wilhelm Egloff, der die Metallwarenfabrik beim Bahnhof gegründet hatte. Egloff hatte als einer der ersten von der elektrischen Kraftübertragung profitiert und musste seine Fabrik deshalb nicht an den Fluss bauen.

Vor wenigen Jahren weichen musste hingegen der Inselbahnhof von 1859, der für die Entwicklung der Gemeinde Turgi ebenfalls eine grosse Rolle spielte.